Christoph Weisse

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Besuch der verbotenen Stadt

Der Name Wünsdorf sagt heute vielen nichts mehr. Doch die unscheinbare Gemeinde, seit 2003 ein Ortsteil der Kleinstadt Zossen, war einst der größte Militärstandort Europas. In den achtziger Jahren lebten hier, rund 20 Kilometer südlich von Berlin, 60.000 sowjetische Armeeangehörige und Zivilisten. Wünsdorf war der Standort des Oberkommandos der Sowjet-Streitkräfte in Deutschland. Als die Sowjetarmee schließlich 1994 abzog, schwand auch die Bedeutung des Ortes. Heute leben hier nur noch etwa 6000 Menschen. Die Entwicklung Wünsdorfs zum Militärstandort begann schon lange vor den Tagen der Sowjet-Kasernen - in der Kaiserzeit. Bereits 1910 wurden hier erste Militärgebäude errichtet. Hierzu gehörte auch das sogenannte "Halbmondlager", welches zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Lager für Kriegsgefangene, muslimische Araber, Inder und Afrikaner aus der britischen und französischen Armee errichtet wurde. Dort waren damals etwa 30.000 Kriegsgefangene interniert.

Im Laufe der Jahre baute das Militär den Standort Wünsdorf immer weiter aus: Während der Zeit des Nationalsozialismus entstanden hier riesige Kasernenkomplexe und Bunkeranlagen. Zwischen 1939 und 1945 war in Wünsdorf sogar das Oberkommando des deutschen Heeres untergebracht. Doch kurz nach der Kriegsniederlage Deutschlands und der Auflösung der Wehrmacht zogen neue Bewohner in die Wünsdorfer Militäranlagen ein - die Armee der Sowjetunion. Das Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland richtete sich hier ein. Der Standort wuchs rasch und wurde wegen seiner taktischen Bedeutung strikt von der Umgebung abgeschottet. So entstand eine sowjetische Stadt mitten in Deutschland. Das Militär schuf sich die notwendigen Bedingungen für ein vollkommen autarkes Leben in der Fremde: Neben Kasernenanlagen und Wohnhäusern baute man eigene Brotfabriken, Warenhäuser und Geschäfte. Schulen, ein Kulturzentrum mit Theater und ein eigenes Krankenhaus entstanden. Und um die Anbindung an die Heimat der hier stationierten Soldaten zu gewährleisten, wurde eine direkte Eisenbahnlinie nach Moskau eingerichtet - mit täglich verkehrenden Zügen.

Engerer Kontakt der Sowjetbesatzung zur deutschen Bevölkerung war seitens der Armee nicht erwünscht. Wurde etwa festgestellt, dass ein Soldat sich mit einer deutschen Frau angefreundet hatte, wurde dieser sofort in die UdSSR zurückversetzt oder sogar vollständig aus den Streitkräften entlassen. So blieb das Leben hinter den Mauern dieser Stadt der deutschen Bevölkerung weitestgehend verborgen - jedenfalls bis zum Abzug der Truppen im Sommer 1994. Noch am Morgen vor der Abreise soll der kommandierende Generaloberst Matwej Burlakow im Schwimmbad der Militäranlage seine letzten Bahnen gezogen haben. 

Dieser Ort übt einen seltsamen Reiz aus: Das einfallende Licht, die ausgeblichenen Pastelltöne der Wände, der abblätternde Lack der Türen verleihen der Militärarchitektur eine sonderbar nostalgische Atmosphäre. Die langen Flure, einst erfüllt vom Stimmengewirr hunderter Soldaten, liegen nun in völliger Stille da. Nur hier und da findet man noch zurückgelassene Gegenstände in den Räumen - etwa einen kaputten Flügel, der mit abgebrochenen Beinen im Staub liegt. Die meisten ihrer Habseligkeiten haben die einstigen Bewohner mitgenommen, als sie aufbrachen. 24 Jahre ist der Abzug der Sowjet-Truppen nun her. In der Zwischenzeit hat sich das einstige militärische Zentrum Wünsdorf wieder in eine zivile Stadt zurückverwandelt. Der größte Teil der ehemaligen militärischen Anlagen liegt unterdessen noch immer brach und wartet auf Investoren, die die ungewöhnlichen Räumlichkeiten einer neuen Nutzung zuführen.

Weiterführende Links: Beelitz-Heilstätten, Das verlassene Stasi-Krankenhaus, Bildergalerie Lost Places